AUSSTELLUNGSTEXT
Yvonne Most untersucht in ihrem fotografischen Werk das Phänomen des Verlustes einer Heimat. Ihre visuelle Analyse führt sie in Deutschland und in der unmittelbaren Nachbarschaft, in Tschechien durch. Für ihre Serien fotografiert sie Menschen, die aus dieser mitteleuropäischen Region stammen und zeigt bekannte Landschaften. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist sie in der Lage, das in letzter Zeit akute Problem der ungewollten Migration und ihre Folgen für die Gesellschaft dem Publikum auf subtile und greifbare Weise zu vermitteln.
In der Ausstellung werden zwei Foto-Essays der Fotografin präsentiert. Die Serien korrespondieren visuell miteinander und fordern sich zugleich inhaltlich gegenseitig heraus. Mosts Bilder sind Interpretationen der Heimat im Hinblick auf ganz unterschiedliche Erfahrungen mit Verlust. In der Serie „Lausitz“ aus dem Jahr 2014 beschäftigte sich die Künstlerin mit den Auswirkungen der Braunkohleindustrie auf das Leben in der Lausitz. Einerseits bedeuten die Kohlevorkommen Arbeitsplätze für diese ländliche Region. Andererseits hat die Umsiedlung ganzer Dörfer in den letzten Jahrzehnten vor allem die dort lebende sorbische Minderheit geprägt. Die wortwörtliche Entwurzelung trug wesentlich zum fortschreitenden Verlust der kulturellen Identität der Sorben bei. Die zweite Serie aus dem Jahr 2018/19 hat den Titel „Die Erinnerungen der Anderen“. Es ist eine Erzählung über die Erinnerungskultur der Sudetendeutschen im Zusammenhang mit ihrer verlorenen Heimat nach der Vertreibung. Beide Serien wurden in der visuellen Narration ähnlich konzipiert: Den Landschaftsbildern stellt die Fotografin Porträts von Menschen gegenüber. Die Porträtierten tragen auf vielen Motiven traditionelle Kleidung – die regionalen Trachten. Die Landschaft und die Trachten spielen in diesen Schicksalen die essenzielle Rolle. Sie verkörpern die Heimat aber auch den Verlust, indem sie Raum für Träume und Erinnerungen schaffen.
Yvonne Most wuchs im heutigen Osten Deutschlands auf. Ihre Großmutter kam mit ihrer Familie nach Thüringen, nachdem sie nach 1945 aus dem tschechischen Sudetenland vertrieben worden war. Diese Hintergründe zeigen Einfluss auf das Werk der Fotografin. Sie sind auch der Schlüssel zur erstaunlichen Authentizität ihrer Arbeiten. Es sind eben Fragen um die Heimat, die die Autorin persönlich zu bewegen scheinen. Mosts Fotoessays sind subtile Darstellungen der Heimat-Schicksale, die die Hilflosigkeit aber auch die menschliche Stärke thematisieren. Das ist der Grund für die zeitlose Universalität, die ihre Fotografien auszeichnet. Im Kontext der heutigen Debatte über die Menschenflucht aus den Krisengebieten, bekommen diese Bilder eine außerordentlich aktuelle Relevanz.
Das besondere Format der geplanten Ausstellung soll durch eine ergänzende Präsentation von Objekten des traditionellen, sorbischen Kunsthandwerks unterstrichen werden. Dazu gehören u. a. originale Trachtenteile, die in den Bildern der gezeigten Serien von Yvonne Most oft als Sinnbild der Heimat zu sehen sind.
YVONNE MOST
studierte Fotografie bei Sibylle Bergemann an der Ostkreuzschule in Berlin und bei Rudolf Schäfer an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule in Halle, wo sie 2012 ihren Master-Titel erwarb. Sie arbeitet als freischaffende Fotografin und Dozentin für Fotografie. 2019 ist zu der Serie „Die Erinnerungen der Anderen“ ein gleichnamiges Buch im Kehrer Verlag erschienen. Das Buch wurde neulich mit dem renommierten Deutschen Fotobuchpreis in Silber prämiert.
©Fotos: Yvonne Most
©Text: Tomasz Lewandowski